Florian Kobler
sorgt sich um den Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kanton.
Livio Götz ist seit 100 Tagen CEO von St.Gallen-Bodensee Tourismus. Bild: leaderdigital.ch
Seit 100 Tagen führt Livio Götz St.Gallen-Bodensee Tourismus. Der neue CEO sagt, wo die Region Potenzial verschenkt, worauf seine Organisation wegen der Sparvorgaben verzichtet und warum er trotz finanzieller Kürzungen keine Stellen abbauen will.
Tourismus Livio Götz ist seit 100 Tagen CEO bei St.Gallen-Bodensee Tourismus (SGBT). Er übernahm eine Organisation unter Spardruck. St.Gallen-Bodensee Tourismus (SGBT) hat im Rahmen des Stabilisierungsprogramms bereits 2,4 Vollzeitstellen abgebaut. Ab 2028 will die Stadt St.Gallen ihren Beitrag von 780'000 auf 615'000 Franken pro Jahr senken. Darüber entschied das St.Galler Parlament nach Redaktionsschluss am 3. November.
Herr Götz, Sie sind seit 100 Tagen im Amt. Was hat Sie am meisten überrascht?
Livio Götz: Das Engagement und das Know-how der Menschen, die den Tourismus hier mitgestalten. Die Region hat ein grosses touristisches Potenzial. Das ist toll. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass man die Kräfte stärker bündeln könnte, und zwar gesamtheitlich in der Ostschweiz. Darin liegt eine Chance für unsere Organisation.
Wo funktioniert die Zusammenarbeit heute nicht?
«Nicht funktionieren» trifft es aus meiner Sicht nicht. Die Angebote sind da – von einer erstklassigen Gastronomie bis hin zu attraktiven Erlebnissen für unterschiedliche Zielgruppen. Das Potenzial ist vorhanden, ist aber noch zu wenig sichtbar und zu wenig buchbar. Entscheidend ist, dass wir die verschiedenen Angebote als Ganzes positionieren. Erst dann entfalten sie ihre volle Wirkung.
Was haben Sie in diesen 100 Tagen bereits verändert?
In den ersten 100 Tagen geht es hauptsächlich darum, die Strukturen und das Team kennenzulernen. Auch mit der Politik muss man sich in einer solchen Position zuerst auseinandersetzen. Danach gilt es zu definieren, wo man den Hebel ansetzt. Im Vordergrund stand dabei die organisatorische Weiterentwicklung, die Festlegung der Prioritäten für 2027 und die Transformation zur Destination Service Organisation. Mir ist es aber wichtig festzuhalten: Ich habe eine gute und gesunde Organisation angetroffen. Thomas Kirchhofer hat hier hervorragende Vorarbeit geleistet.
Sind Sie auch auf Widerstand oder Stillstand gestossen?
Teilweise, ja. Aber das ist nicht die Schuld einer einzelnen Person, sondern eine Folge des Gesamtsystems. Widerstand entsteht auch dort, wo zugesagte Geldflüsse ausbleiben. Verschiedene Leistungsträger können finanziell möglicherweise nicht mehr mithalten. Das können Stolpersteine sein. Darum ist eine Auslegeordnung jetzt wertvoll und wichtig. Gleichzeitig wollen wir die Organisation schlank behalten.
Sie wollen SGBT zu einer modernen Destination-Service-Organisation weiterentwickeln, mit mehr Vertrieb, buchbaren Angeboten und künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig sind die Mittel begrenzt. Wie funktioniert ein solcher Spagat?
Es gibt verschiedene Beispiele dafür. So beispielsweise unser 5-Punkte-Plan. Bereits aufgrund des Wegfalls der Casinobeiträge von jährlich 380 000 Franken haben wir ein konkretes Spar- und Effizienzpaket geschnürt und erste Massnahmen umgesetzt. Diese werden wir konsequent weiterführen. Wichtig ist mir, dass klar wird, dass SGBT bereits aktiv auf die finanziellen Herausforderungen reagiert hat und die Sparmassnahmen nicht erst aufgrund der geplanten städtischen Beitragskürzungen ab 2028 eingeleitet wurden. Wichtig ist der B2C-Bereich. Aktivierungen, also Veranstaltungen direkt für Endkundinnen und Endkunden, führen wir nicht mehr durch. Sie erzielen nicht mehr die gleiche Wirkung wie unsere Aktivitäten im B2B-Bereich. Dort liegt unser Fokus darauf, die Leistungsträger zusammenzubringen und gemeinsam möglichst viel zu bewegen. Auch Print haben wir fast vollständig aus unserem Angebot genommen. Beim Gästeservice an der Bankgasse haben wir zudem die Öffnungszeiten angepasst. Diese Entwicklung hatte allerdings bereits vor meiner Amtszeit begonnen.
Was würden Sie am liebsten sofort einstellen, wenn Ihnen niemand widerspräche?
Man muss ehrlich sein: Wir haben bereits sehr viel gestrichen und sparen, wo immer es möglich ist. Zu behaupten, man könne problemlos noch mehr streichen, weil es nicht notwendig sei, würde der Realität nicht gerecht. Das muss man klar festhalten. Wir sind auf die notwendigen finanziellen Mittel angewiesen, denn wir haben Projekte, die über mehrere Jahre laufen und auch 2027 weitergeführt werden müssen. Dafür brauchen wir eine verlässliche Finanzierung.
Geld – ein gutes Stichwort: Die Stadt kürzt voraussichtlich ihren Beitrag ab 2028 um rund 165'000 Franken pro Jahr. Wussten Sie davon, als Sie sich beworben haben?
Ja, ich wusste von den geplanten Kürzungen und war mir bewusst, dass mir ein rauer Wind entgegenwehen würde. Dass Stadt und Region sparen müssen, stand ebenfalls fest. Trotzdem war ich damals zuversichtlich und bin es nach wie vor. Entscheidend ist jetzt, dass alle am gleichen Strang ziehen und das vorhandene Potenzial der Region voll ausschöpfen.
Spart die Stadt Ihrer Ansicht nach nicht am falschen Ort, wenn es um den Tourismus geht?
Ich möchte der Stadt nicht in ihre Entscheidungen hineinreden. Sie befindet sich in einer schwierigen finanziellen Situation, und ich habe Verständnis dafür, dass gespart werden muss. Wir haben bereits erhebliche Sparmassnahmen eingeleitet und werden diese konsequent weiterführen. Die zusätzlichen Kürzungen ab 2028 stellen uns dennoch vor grosse Herausforderungen. Deshalb müssen wir unsere Finanzierung weiter diversifizieren und klare Prioritäten setzen. Wichtig ist mir, dass der Tourismus nicht nur als Kostenfaktor, sondern auch als bedeutender Wirtschaftsfaktor wahrgenommen wird. Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zur regionalen Wirtschaft. Rund 60 Prozent der Logiernächte in der Destination entfallen auf die Stadt. Sie profitiert also in erheblichem Mass vom Tourismus. Diese touristische Wertschöpfung müssen wir erhalten und langfristig sichern.
Im Jahr 2025 trug die Stadt rund 15,8 Prozent zum Gesamtertrag von SGBT bei. Sollten andere Gemeinden mehr bezahlen?
Ein guter Punkt. Wir sprechen oft von der Stadt, dabei macht die touristische Entwicklung nicht an den Gemeindegrenzen halt. Deshalb wollen wir die umliegenden Gemeinden künftig stärker einbinden. In den Gemeinden der Teilregion Rorschach haben wir kürzlich erste Ansätze für eine gemeinsame Entwicklung vorgestellt. Unser Ziel ist, die verschiedenen Teilregionen – etwa die Seegemeinden oder das Rheintal – stärker in die touristische Entwicklung und Finanzierung mit einzubeziehen. Gleichzeitig sollen sie ihre eigenen Potenziale und Besonderheiten noch gezielter nutzen können. So wollen wir die
Finanzierung auf eine breitere Basis stellen und langfristig tragfähiger gestalten. Ausserdem leistet SGBT mit ihrer Tätigkeit einen Beitrag zur Freizeit- und Standortqualität eines Ortes.
Wie weit ist das Projekt einer eigenen Gasttaxe in Wil?
Hier muss man das Gesamtbild betrachten. Ein wichtiger Teil ist die Weiterentwicklung des touristischen Angebots, ein anderer die Gästeinformation in Wil. Diese wird heute noch von der Stadt betrieben. Wir könnten uns vorstellen, diese Aufgabe künftig zu übernehmen. Auch die Gasttaxe ist ein wichtiges Thema. Der Stadtrat hat der Einführung bereits zugestimmt, nun liegt der Entscheid beim Parlament. Frühestens Anfang Jahr wird sich zeigen, wie es weitergeht. Wird die Vorlage angenommen, soll eine entsprechende Leistungsvereinbarung folgen. Wir würden die Gasttaxe einziehen und die Einnahmen vollumfänglich wieder zugunsten der Gäste einsetzen. Dieses Modell könnte aus unserer Sicht gut funktionieren. Allerdings sind noch viele Fragen offen.
Die Tourist Information an der Bankgasse St.Gallen soll zu einem offenen Begegnungsort werden, mit regionalen Produkten und Design. Ist das eine Aufwertung oder ein Rückzug aus der persönlichen Gästebetreuung?
Wir müssen die Entwicklung der Gästestruktur aufmerksam beobachten. Die Zahl der Gäste, die persönlich vorbeikommen, ist rückläufig. Gleichzeitig liegt das Durchschnittsalter unserer Besucherinnen und Besucher bei 50 bis 60 Jahren. Deshalb wird die persönliche Gästebetreuung vor Ort auch künftig ihren Platz haben. Gleichzeitig möchten wir unsere Angebote vermehrt auch für die einheimische Bevölkerung öffnen und einen echten Mehrwert für die St.Gallerinnen und St.Galler schaffen.
Bekommen die Besuchenden dann Antworten auf ihre Fragen von Menschen oder von einem Chatbot?
In einer zunehmend digitalen Welt ist der persönliche Kontakt umso wichtiger. Aber KI wird sicherlich auch bei der Tourist Information eine Rolle spielen. Mit diesen Tools müssen wir aber vorsichtig umgehen. Seit einem Jahr haben wir auf unserer Website einen Chatbot namens Sandy Gmünder. Wir messen und fragen die Leute nach ihren Erfahrungen. So verbessern wir uns stetig. Ausserdem bringt die KI einen Mehrwert, wenn wir beispielsweise Erfolg messen wollen.
Sie wollen St.Gallen stärker als Kultur- und Designregion positionieren. Wie soll das gelingen?
Das UNESCO-Weltkulturerbe ist zweifellos der wichtigste Anziehungspunkt unserer Region. Aber es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Wir haben zahlreiche attraktive Angebote und spannende Facetten, die wir stärker ins Bewusstsein rücken wollen. Ein Beispiel ist der kürzlich gegründete Verein «Design St.Gallen» oder die jährlich stattfindende Design Week. Solche Initiativen müssen wir aufgreifen, fördern und stärker nach aussen tragen. Grundsätzlich wollen wir das gesamte Umfeld rund um die zwei Türme stärker positionieren. Viele Gäste kommen zunächst wegen des Stiftsbezirks. Vor Ort entdecken sie dann, dass auch der Alpstein ganz nah ist. Hinzukommen eine hervorragende Gastronomie, eine attraktive Hotellerie, der See und eine lebendige alternative Szene. Diese Vielfalt macht unsere Region aus. Sie muss künftig in unserer touristischen Präsentation noch stärker zum Ausdruck kommen.
Damit wollen Sie auch neue Märkte ansprechen?
Neue Märkte werden wir nicht erschliessen. Dafür haben wir schlicht die finanziellen Mittel nicht. Unsere begrenzten Ressourcen setzen wir vor allem in den Nahmärkten ein, insbesondere in der Schweiz und in Deutschland. Fernmärkte wie die USA bearbeiten wir primär über bestehende Partner und internationale Vertriebskanäle. Auf die USA setzen wir weiterhin als Fernmarkt. Danach folgen Grossbritannien, Italien und Frankreich. Unsere Ressourcen setzen wir aber vorwiegend in der Schweiz, in Deutschland und in den USA ein.
2027 finden mit dem Tourismuskongress Connect Switzerland und dem Switzerland Travel Market zwei grosse Branchenanlässe in St.Gallen statt. Was erhoffen Sie sich davon?
Es handelt sich dabei um zwei unterschiedliche Anlässe. Connect Switzerland ist eine Riesenchance. Das ist der Tourismusanlass des Jahres, mit über 1000 Teilnehmern. Wir sind dort mit der Ostschweiz vertreten. Ich erhoffe mir, dass wir auf der touristischen Landkarte noch stärker wahrgenommen werden und die Bekanntheit der ganzen Ostschweiz wächst.
Und der Switzerland Travel Market im Juni?
Auch dieser Anlass birgt eine riesige Chance. In der Reisebranche sind wir noch zu wenig bekannt. Wir wollen dort stärker wahrgenommen und dann auch explizit gebucht werden. Denn der Switzerland Travel Market STM ist eine Veranstaltung für die internationale Reisebranche, wo wir bis zu 100 Reiseveranstalter in St.Gallen willkommen heissen werden.
Dann wird – sagen wir mal in etwa drei Jahren – unsere Region in diversen Reisekatalogen sein?
2027 ist ein wichtiges Übergangs- und Entwicklungsjahr und wird einige Weichen stellen. Da soll und wird eine Weiterentwicklung stattfinden. Bis ins Jahr 2029 wollen wir die B2B-Struktur verbessern und die KI weiterentwickeln. Dadurch wird St.Gallen und die Ostschweiz bei den Reiseanbietern um einiges an Visibilität gewinnen.
Von Marino Walser und Astrid Nakhostin
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